Anfang und noch nicht das Ende

Ein Gespräch mit Andreas Spierling und Judith Fresen über Erinnerungen, Aufbruch und die Zukunft der Gemeinde.

Ein Abschnitt geht zu Ende, ein neuer beginnt: Nach vielen Jahren im Dienst der Gemeinde wird Andreas Spierling bald aus seinem aktiven Dienst verabschiedet. Gleichzeitig beginnt ab dem 1. Juli 2026 für Judith Fresen ein neuer Weg mit ihrem Dienst in der Kirchengemeinde Lieberhausen-Bergneustadt. Im Gespräch erzählen beide von prägenden Erfahrungen, von dem, was bleibt, und von dem, was kommen soll.

WENN DU AUF DAS THEMA „ANFANG UND NOCH NICHT DAS ENDE“ SCHAUST: WAS BEDEUTET DIESER SATZ FÜR DICH PERSÖNLICH GERADE IM MOMENT?

Andreas: Für mich sind das zunächst einmal wunderschöne Erinnerungen. Wenn ich an die ersten Jahre in der Gemeinde zurückdenke, kommen mir sofort ganz besondere Begegnungen in den Sinn. Das hat mich sehr ermutigt, und die Wertschätzung, die meiner Familie und mir entgegengebracht wurde, hat uns das „Hiersein“ leicht gemacht.

Anfang und noch nicht das Ende – dabei denke ich besonders an meine Familie. Ich empfinde tiefe Dankbarkeit. Das lässt sich nicht in Worte fassen. Gerade in den ersten Jahren war ich ständig unterwegs und wenig zu Hause. Meine Frau und meine Kinder haben das mitgetragen und mir sicher mehr den Rücken freigehalten, als ich weiß. Da habe ich sicher vieles nicht gut gemacht.

Ich war einige Wochen in Bergneustadt, als Karl eines Tages plötzlich bei unserem Kindergottesdienst-Helferkreis auftauchte. Es war kalt und dunkel draußen, und dann sagte er zur Begrüßung: „In meinem Mantel habe ich eine dicke Knarre, eine Magnum. Ich war bei der Fremdenlegion und kann damit umgehen.“ Wir saßen da erst einmal völlig schockiert. Das war wirklich eine Begegnung, die ich nicht vergessen werde.

Und dann denke ich an viele schöne und bewegende Gottesdienste zurück, mit viel Lachen und manchmal auch mit Weinen. Ich finde es stark, wenn eine Gemeinde so miteinander lebt, dass sie nicht nur die schönen Seiten zeigt, sondern auch sagen kann: Uns geht es gerade nicht gut. Wir können auch mal weinen. Und genau dafür ist der Gottesdienst ein guter Ort, weil wir wissen: Gott ist da. Das hat mir unheimlich viel bedeutet. Nicht nur als Pfarrer, sondern auch als Christ und als Mensch. 

Es gab auch diese kleinen, heiteren Erinnerungen. Einmal hatte ich im Gottesdienst Glitzer im Haar, weil ich morgens versehentlich das falsche Spray benutzt hatte. Natürlich wurde das sofort bemerkt und sorgte für viel Heiterkeit. Solche Momente gehören eben auch dazu. Kirche ist nicht nur feierlich und ernst. Sie darf auch herzlich, menschlich und fröhlich sein. 

Und was für mich über allem steht, ist: Ich habe diese Gemeinde wirklich lieb gewonnen. Oft denke ich an eine mir gestellte Frage zurück: „Haben Sie Ihre Gemeinde lieb?“ Ich habe geantwortet: „Ja, von Herzen.“ Darauf kam die Erwiderung: „Dann sind Sie da genau richtig.“ Dieser Satz hat mich seither begleitet. Und ich glaube, wenn man das irgendwann wirklich von einer Gemeinde sagen kann, dann spüren die Menschen das auch.

Judith: Für meinen Mann und unsere Jüngste hat bereits 2023 hier in Bergneustadt ein neuer Lebensabschnitt begonnen. Nun beginnt er auch für mich als zukünftige Pfarrerin, und ich sehe dem mit ganz großer Freude und Dankbarkeit entgegen.

ANDREAS, WENN DU AUF DEINE JAHRE IN DER GEMEINDE ZURÜCKSCHAUST: WELCHE BEGEGNUNGEN ODER MOMENTE HABEN DICH BESONDERS GEPRÄGT?

Andreas: Das ist nicht leicht zu beantworten, weil eine Gemeinde nie gleichförmig ist. Es gibt so viele Menschen, so viele unterschiedliche Situationen und so viel Bewegung. Aber es gibt einige Punkte, bei denen ich sofort sage: Ja, das ist hängen geblieben. 

Wir sind ja im Herbst 1988 nach Bergneustadt gezogen. Aus meiner Vikariatsgemeinde Ratingen Linnep hatte ich die Erfahrungen einer einwöchigen Konfirmandenfreizeit mitgebracht. Meine Hoffnung war, dies auch hier umsetzen zu können. Die ersten Kommentare waren: „Das funktioniert nie. Aber versuch es.“  Es wurde ein absolutes Erfolgskonzept. Die Freizeiten gibt es immer noch und sie werden weitergeführt.
Besonders am Herzen lagen mir unsere Jugendskifreizeiten während der Osterferien in Sent in der Schweiz. Wir haben 1990 damit begonnen und sie bis 2019 mit viel Engagement und Herzblut durchgeführt. Erst „Corona“ hat uns gestoppt. Es ist nicht zu beschreiben, wie sehr sich in all den Jahren Ehrenamtliche eingebracht haben. Ich empfinde dafür große Dankbarkeit.   

Ziemlich früh hatten wir eine Gemeindeberatung. In dieser Zeit wurden wir mit einfachen aber klugen Fragen konfrontiert: Warum gibt es diese Kirchengemeinde überhaupt? Wozu seid ihr da und was wollt ihr? Diese Frage ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben. Wir haben damals ziemlich schnell Antworten gefunden: Diese Gemeinde gibt es, weil Gott sie gewollt hat. Ich finde das nach wie vor großartig. Gott hat gewollt, dass es diese Gemeinde gibt, damit Menschen mit seiner Liebe in Berührung kommen und heil werden – an Körper, Seele und Geist. Das ist für mich bis heute ein Grundgedanke geblieben.

Ein zweiter Punkt war, dass wir relativ früh damit begonnen haben, mit anderen Gottesdienstformaten zu experimentieren. Da gab es die „Oase“ mit externen Predigern und Referenten sowie kleinere Anspiele, die wir damals noch sehr vorsichtig eingesetzt haben. Aber es war der Anfang einer wichtigen Erkenntnis: Nicht alles muss im klassischen Sonntagsgottesdienst stattfinden. Es gibt auch andere Formen, die Menschen ansprechen. Dieses „Da geht noch was“ war eigentlich immer in mir. In dieser Hinsicht bin ich wirklich ein Unruhegeist. Oft hatte ich den Eindruck, dass in dieser Gemeinde noch mehr möglich ist.

Das Schöne war und ist, dass es Menschen gab und gibt, die das mittragen und mitgestalten wollen. Das möchte ich Judith und vielen anderen gerne mitgeben.  Hier sind Menschen, die die Gemeinde wirklich liebhaben. In ihnen ist die Hoffnung lebendig, dass Mauern überwindbar sind. Menschen, die sich nicht mit starren Gegebenheiten abfinden.

Auch eine Konfi-Freizeit in Winterberg war sehr prägend. Unser Team kam an seine Grenzen. Es gab Spannungen und Reibungen und ich war an einem Punkt angelangt, an dem ich wirklich ratlos war. Ich bin dann losgegangen, erst zum Kreuz, habe gebetet, aber innerlich keine Antwort erhalten. Dann ging ich weiter in den Wald, in die Stille, aber auch dort erhielt ich keine Antwort. Schließlich betrat ich eine katholische Kirche, setzte mich hin und sah vor mir eine Marienfigur mit dem Jesuskind. In diesem Moment hatte ich ganz klar den Eindruck, dass Jesus auf mich zeigt und sagt: „Andreas, tu deinen Job.“ Das war für mich ein einschneidendes Erlebnis. Ich bin zurückgegangen und wusste wieder, was zu tun ist: Nicht jammern, sondern die Aufgabe sehen. Wir sind hier, um die Freizeit zu leiten, Gottes Wort weiterzugeben und Jugendliche dafür zu begeistern. Das hat mich neu sortiert. 

Ein weiterer entscheidender Moment war einige Jahre später in einer Sitzung, als jemand sagte: „Eigentlich ist hier nicht mehr viel los.“ Diese Aussage hat mich stark getroffen und verunsichert. Sind wir hier noch richtig? Diese Frage tauchte immer wieder auf. Doch dann gab es einen Impuls, der vieles veränderte. „Was würdest du gerne machen?“ Da war sofort wieder dieses Gefühl: Doch, da geht noch was. Daraus sind viele neue Impulse entstanden: moderne Musik, kreative Formen, verständliche Predigten und neue Zugänge. Vieles von dem, was später unter „ErLebensWert“ entstanden ist, hängt damit zusammen. Ich habe gespürt, wie Gott hier wunderbar gewirkt und in Bewegung gesetzt hat.

Auch die Weihnachtsgottesdienste im Krawinkelsaal mit 700 Teilnehmenden und die ökumenischen Weihnachtsgottesdienste mit Band hier im Gemeindezentrum oder in St. Matthias.

Und dann ist da natürlich noch die Fusion mit Lieberhausen. Ich bin bis heute überzeugt: Das war genau richtig. Wir hatten ein tolles Team, das diese Fusion mit viel Engagement und Freude vorbereitet hat. Der Höhepunkt war für mich die Fusionsfeier an Silvester 2023, bei der wir mit rund 120 Leuten zusammensaßen, gegessen, gefeiert und gespürt haben: Das ist kein Abschied, das ist ein Neubeginn.

Der Förderverein „GemeindeLeben fördern“ hat viele Aktivitäten flankiert. Dank des persönlichen Einsatzes und der finanziellen Unterstützung des Vereins konnten zahlreiche Projekte realisiert werden. Ich denke dabei besonders an den Umbau des GemeindeCentrums und die vielen interessanten Ausflüge für Jung und Alt.

Wenn ich Judith jetzt etwas mitgeben darf, dann das: Von dieser Gemeinde geht wirklich etwas aus. Hier gibt es Menschen, die sich engagieren, die etwas bewegen wollen und die die Gemeinde von Herzen lieben. Das macht die Arbeit hier so wertvoll.

JUDITH, WENN DU DAS HÖRST: WAS BERÜHRT ODER BEEINDRUCKT DICH AN EINEM SO LANGEN WEG IN EINER GEMEINDE?

Judith: Mich beeindruckt an Andreas vor allem diese fröhliche, offene und herzliche Art. Diese Haltung: Schön, dass ihr da seid. Wie toll ist das denn. Da ist etwas unbedingt Positives und Zuversichtliches, und ich glaube, genau das spüren die Menschen auch. 

Mich beeindruckt auch, dass Andreas Mut hatte, neue Wege zu gehen. Er hat auf die Gemeinde geschaut und nicht zuerst gefragt, was alles schwierig ist, sondern eher: Was ist möglich? Was können wir wagen? Was können wir ausprobieren? Diese Zuversicht nehme ich mit auf meinen Weg. 

Und was ich ebenfalls sehr stark finde: Andreas lebt das Priestertum aller Gläubigen ganz konsequent. Er fragt nicht zuerst: Wer trägt einen Talar? Wer ist ordiniert? Sondern: Wer kann unsere Gemeinde mitgestalten, auch im Gottesdienst, auch auf der Kanzel? Es ist sehr wertvoll, dass das hier gelebt wird.

Andreas: Es berührt mich sehr, das zu hören. Denn genau das war immer mein Wunsch: nicht gekünstelt zu wirken und nicht „der Herr Pfarrer“ zu sein. Für viele war ich einfach der Andreas. Und das war gut so. Ich fand es immer schön, als Christ unter Christen zu leben und eine besondere Beauftragung als Pfarrer der Gemeinde zu haben.

WENN IHR BEIDE AUF KIRCHE UND GEMEINDELEBEN VON MORGEN SCHAUT: WAS WÜNSCHT IHR EUCH FÜR DIE ZUKUNFT?

Judith: Ich wünsche mir eine Kirche, die nah bei den Menschen ist – nicht nur in den schönen Situationen des Lebens, sondern auch in den schwierigen, in Brüchen, Übergängen und Krisen. Für das Gemeindeleben wünsche ich mir weiterhin Mut, neue Wege zu gehen. Menschen sollen kommen, ihre Gaben mitbringen und können hier erleben, dass Kirche nicht nur etwas für wenige ist, sondern für viele. 

Ich träume von einer Kirche, die offen ist;  die mit offenen Armen kommuniziert: Du bist willkommen mit dem, was du mitbringst. Und ich wünsche mir, dass wir uns nicht ständig von der Frage treiben lassen, wie Kirche irgendwie überleben kann. Die wichtige Frage ist doch: Wie können wir Kirche lebendig gestalten? Was brauchen die Menschen?

Außerdem erlebe ich, dass Glaube heute immer individueller gelebt wird. Und das finde ich gar nicht bedrohlich, sondern wunderbar. Glaube entfaltet sich auf der Grundlage des dreieinigen Gottes sehr unterschiedlich: in verschiedenen Gottesbildern, in unterschiedlichen Gebetsformen, in ganz persönlichen Ausdrucksweisen. Auf diese Vielfalt freue ich mich. Ich hoffe, dass wir Räume schaffen, in denen diese verschiedenen Formen des Glaubens sichtbar werden und Menschen sich gegenseitig inspirieren, bereichern und berühren. Und ich wünsche mir die Freiheit, ohne Angst vor Fehlern und mit Mut neue Wege zu gehen. 

Andreas: Verliert bitte nicht den Kontakt zu den Menschen! Kirche und Gemeinde dürfen keine Zäune errichten. Sie sollen vielmehr wie Wasserstellen sein, Oasen, an denen Menschen auftanken und gerne hingehen. 

Das heißt für mich auch, dass wir nicht nur im Gemeindehaus und in der Kirche bleiben dürfen. Die Gemeinde muss draußen sichtbar sein: unter den Menschen, auf Festen, auf dem Markt, mitten im Leben. Es fällt auf, wenn wir nicht unter uns bleiben. Und ich wünsche mir, dass wir verständlich reden. Es gibt so viel kirchlichen Jargon, der für uns selbstverständlich ist, den viele Menschen aber gar nicht mehr verstehen. Wenn wir verständlich sprechen, kommen wir den Menschen näher. 

Bei allem, was sich verändert, wünsche ich mir, dass Jesus in der Mitte bleibt. Er ist der Ursprung und das Zentrum. Davon dürfen wir nicht schweigen. Wir dürfen das offen und einladend sagen: Jesus liebt dich.

ANDREAS, WENN DEIN AKTIVER DIENST NUN ZU ENDE GEHT: WORAUF FREUST DU DICH IM RUHESTAND, UND WAS WIRST DU VIELLEICHT VERMISSEN?

Andreas: Ein Beispiel ist, dass ich nach einem Urlaub nicht sofort den Anrufbeantworter abhören muss und wieder mitten in allem drin bin. Ich habe mir vorgenommen, mindestens ein Jahr lang keinen Dienst in unserer Kirchengemeinde zu übernehmen. Nicht, weil mir die Gemeinde egal wäre, sondern gerade, weil sie mir wichtig ist. Es soll klar sein: Jetzt sind andere dran. 

Ich freue mich darauf, Dinge zu erledigen, die sonst immer liegen geblieben sind, mich um den Garten zu kümmern und das ohne Unterbrechungen. Dass die Garage aufgeräumt werden muss, begeistert mich nicht gerade. Und ob zwischen mir und dem Staubsauger noch eine große Freundschaft entsteht, wage ich zu bezweifeln. Aber ich gebe mein Bestes.

Was ich vermissen werde, ist das Eintauchen in die Lebensgeschichten von Menschen. Das hat meine Berufung von Anfang an geprägt. Menschen zu begleiten, Anteil zu nehmen und mit ihnen unterwegs zu sein, wird mir fehlen.

JUDITH, BEI DIR BEGINNT JETZT VIELES NEU. WORAUF HOFFST DU AUF DEINEM WEITEREN WEG?

Judith: Ich persönlich erlebe es als großes Privileg, in meinem Alltag so viel Raum für den Glauben zu haben, gemeinsam mit Christinnen und Christen zu leben und diesen Glauben zu teilen. Ich hoffe nicht nur, ich weiß, dass hier eine lebendige Gemeinschaft ist, in der wir einander wahrnehmen, unterstützen und gemeinsam unterwegs sind. Und ich freue mich schon sehr auf die Zusammenarbeit mit allen Haupt- und Ehrenamtlichen hier in der Gemeinde Lieberhausen-Bergneustadt.

WENN DU DER GEMEINDE HEUTE EINEN SATZ MIT AUF DEN WEG GEBEN KÖNNTEST: WELCHER WÄRE DAS?

Judith: Herzlichen Willkommen! Du bist willkommen mit dem, was du mitbringst. Wir freuen uns auf dich!   

Andreas: Ich denke hier an ein Lied: „Seid fröhlich in der Hoffnung, beharrlich im Gebet, standhaft in aller Bedrängnis. Macht einander Mut, ladet gerne Gäste ein und sagt allen, dass Jesus sie liebt.“